Von der Arbeitsmigration zur Einwanderungsgesellschaft


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Wie Deutschland zu einem Land wurde, in dem 30 Prozent der Bevölkerung eine Einwanderungsgeschichte haben

 

Seit den 1950er-Jahren hat Deutschland mehrere große Migrationswellen erlebt – von der Arbeitsmigration im Zuge der Anwerbeabkommen über die Zuwanderung der Spätaussiedler bis hin zu Fluchtbewegungen ab den 1990er-Jahren und erneut seit den 2010er-Jahren. Millionen Menschen kamen zunächst als Arbeitskräfte, Vertriebene oder Schutzsuchende, ein erheblicher Teil blieb dauerhaft, gründete Familien und wurde Teil der gesellschaftlichen Realität Deutschlands. Diese langfristigen Entwicklungen erklären, warum heute rund 30 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben und Deutschland demografisch wie kulturell eine Einwanderungsgesellschaft ist.

Der demografische Wandel, die Generationenfolge und Jahrzehnte kontinuierlicher Zuwanderung haben das Land strukturell geprägt: Die Kinder und Enkel der einst zugewanderten Menschen sind heute in allen Bereichen des öffentlichen Lebens präsent – in Schulen, Verwaltungen, Unternehmen, Sportvereinen und im Stadtbild. Statt Ausnahme oder Sonderfall handelt es sich um den natürlichen Verlauf historischer Bevölkerungsbewegungen in einem modernen Industrieland. Die statistischen Daten zeigen eindeutig: Die Vielfalt der heutigen Gesellschaft ist das Ergebnis einer langfristigen, nachvollziehbaren Entwicklung, die fest zur Geschichte der Bundesrepublik gehört.

 

Die Grundlagen: Wie sich Deutschlands Bevölkerung seit 1950 veränderte

Seit den 1950er-Jahren hat sich die Bevölkerungsstruktur Westdeutschlands und später Gesamtdeutschlands grundlegend verändert. Über mehrere Wellen von Zuwanderung – Arbeitsmigration, Spätaussiedlerzuzug und Fluchtmigration – sind Millionen Menschen nach Deutschland gekommen. Ein erheblicher Teil von ihnen hat hier dauerhaft Fuß gefasst, Familien gegründet, Kinder und Enkelkinder bekommen.

Die amtliche Statistik zeigt heute: Rund 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben einen Migrationshintergrund, also eigene Migrationserfahrung oder Eltern, die zugewandert sind. Demografisch ist das der folgerichtige Effekt jahrzehntelanger Einwanderung – nicht das Ergebnis eines plötzlichen Bruchs.

 

Historisches Bild mit einer Gruppe von Arbeitsmigranten, den sogenannten Gastarbeitern.

Mit dem Anwerbeabkommen mit Italien im Jahr 1954 begann die organisierte Arbeitsmigration nach Deutschland. Heute haben rund 30 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Dies wirkt sich auch im Stadtbild aus.

 

Die erste große Welle: Arbeitsmigration und Anwerbeabkommen (1950er bis 1973)

Wirtschaftswunder und Arbeitskräftemangel

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Bundesrepublik das sogenannte Wirtschaftswunder. Ab Mitte der 1950er-Jahre wuchs der Arbeitskräftebedarf schneller als die inländische Bevölkerung nachkommen konnte. Die Bundesregierung reagierte darauf mit einer Politik der aktiven Anwerbung: Sie schloss Anwerbeabkommen mit einer Reihe von Staaten.

Den Anfang machte 1955 das Abkommen mit Italien, gefolgt von Spanien und Griechenland im Jahr 1960. 1961 folgte die Türkei, 1963 Marokko, 1964 Portugal, 1965 Tunesien und 1968 Jugoslawien. Weitere Abkommen wurden mit anderen Ländern geschlossen.

Die angeworbenen Arbeitskräfte wurden als „Gastarbeiter” bezeichnet. Das System war zunächst als Rotationsmodell konzipiert: zeitlich befristete Beschäftigung, danach Rückkehr ins Herkunftsland. Die Realität entwickelte sich anders.

Die Zahlen: Ein rapider Anstieg

Der statistische Verlauf zeigt, wie stark diese Politik die Bevölkerungsstruktur veränderte. Im Jahr 1961 lebten knapp 700.000 Ausländer in Westdeutschland, was 1,2 Prozent der Bevölkerung entsprach. Bis 1970 war die Zahl bereits auf gut 2,7 Millionen angewachsen, der Ausländeranteil lag bei 4,5 Prozent.

1971 waren es etwa 3,4 Millionen Ausländer, was 5,6 Prozent der Bevölkerung ausmachte. In den Jahren 1973 und 1974, kurz vor und nach dem Anwerbestopp, lebten etwa vier Millionen Ausländer in Westdeutschland – zwischen 6,4 und 6,5 Prozent der Bevölkerung.

In der wissenschaftlichen Literatur wird geschätzt, dass zwischen 1955 und 1973 rund 14 Millionen Gastarbeiter in die Bundesrepublik kamen. Ein Großteil kehrte tatsächlich zurück, aber zwei bis drei Millionen blieben dauerhaft.

Vom Rotations- zum Bleibemodell

Spätestens gegen Ende der 1960er-Jahre zeigte sich, dass viele Migrantinnen und Migranten länger bleiben oder ganz in Deutschland sesshaft werden wollten. Mehrere Faktoren spielten dabei eine Rolle: Die Nachfrage nach qualifizierten und eingearbeiteten Kräften stieg. Unternehmen und Kommunen investierten in Betriebe, Wohnheime und später Wohnungen. Der Familiennachzug wurde rechtlich erleichtert.

Die Statistik spiegelt diese Entwicklung wider: Selbst nach dem Anwerbestopp 1973 sank der Ausländeranteil nicht wieder auf das Niveau der 1950er-Jahre, sondern pendelte sich in den 1970er- und 1980er-Jahren auf sechs bis acht Prozent ein.

Die Kinder dieser Gastarbeiterfamilien wuchsen in Deutschland auf, besuchten Schulen und Kindertagesstätten, traten in den Arbeitsmarkt ein – und gründeten wiederum eigene Familien.

 

Die 1980er- und 1990er-Jahre: Konsolidierung und neue Migrationsformen

In den 1980er-Jahren verliefen mehrere Entwicklungen parallel. Einige frühere Gastarbeiter kehrten in die Herkunftsländer zurück. Gleichzeitig holten viele Ehepartner und Kinder dauerhaft nach Deutschland. Parallel dazu führten Konflikte und Bürgerkriege – beispielsweise im Libanon oder in Sri Lanka – zu steigenden Asylantragszahlen.

Trotz wirtschaftlicher Schwankungen stieg die Zahl der Ausländer weiter an: 1982 lebten 4,67 Millionen Ausländer in Deutschland, was 7,6 Prozent der Bevölkerung entsprach. Im Jahr 1990, nach der deutschen Vereinigung, waren es gut fünf Millionen Ausländer, etwa acht Prozent der Gesamtbevölkerung. Bis 1996 wuchs die Zahl auf 7,5 Millionen Ausländer, was einem Anteil von 9,1 Prozent entsprach.

Parallel dazu kamen in den frühen 1990er-Jahren zahlreiche Menschen als Flüchtlinge – etwa aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens, wo Krieg und ethnische Konflikte herrschten.

 

Die Spätaussiedler: Eine eigene Zuwanderungsform

Eine besondere Zuwanderungsform stellen die Spätaussiedler dar – Menschen deutscher Herkunft aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion, die auf Grundlage des Bundesvertriebenengesetzes nach Deutschland umgesiedelt wurden.

Die Zahlen sind beeindruckend: Zwischen 1950 und 2020 kamen insgesamt 4.555.407 Spätaussiedler nach Deutschland. Allein in den 1990er-Jahren waren es rund zwei Millionen Menschen. Im Mikrozensus 2020 gaben etwa 2,5 Millionen Personen an, selbst als Spätaussiedler eingewandert zu sein.

Eine Besonderheit dieser Gruppe: Viele Spätaussiedler erhielten relativ schnell die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie erscheinen daher nicht in der Ausländerstatistik, aber sehr wohl in der Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund oder Einwanderungsgeschichte.

Auch hier gilt: Diese 2,5 Millionen Eingewanderten haben Kinder und Enkelkinder – zusammen bilden sie eine mehrmillionenköpfige Bevölkerungsgruppe, die besonders seit den 1990er-Jahren das demografische Bild vieler Regionen prägt.

 

Flucht und Vertreibung seit Mitte der 1990er-Jahre

Seit den 1990er-Jahren spielt Fluchtmigration eine zunehmend wichtige Rolle. Die Kriege im ehemaligen Jugoslawien markierten den Anfang, später folgten Konflikte in Afghanistan, im Irak und am Horn von Afrika. Ab 2011 führte der Syrienkrieg zu einer massiven Fluchtwelle. Seit 2022 kam der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hinzu.

Die amtliche Kategorie lautet hier „Schutzsuchende” – also alle Ausländerinnen und Ausländer, die sich aus humanitären Gründen in Deutschland aufhalten, sei es im Asylverfahren, mit Schutzstatus oder bei Duldung.

Die aktuellen Bestandszahlen verdeutlichen das Ausmaß: Ende 2022 waren rund 3,08 Millionen Schutzsuchende im Ausländerzentralregister erfasst. Ende 2023 waren es rund 3,17 Millionen Schutzsuchende. Ende 2024 erreichte die Zahl etwa 3,3 Millionen Schutzsuchende, was etwa ein Viertel der ausländischen Bevölkerung ausmacht.

Auch hier gilt: Ein Teil wird dauerhaft bleiben, Kinder bekommen und möglicherweise eingebürgert werden – und geht dann zunehmend in der allgemeinen Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund oder Einwanderungsgeschichte auf.

 

Von der Ausländerstatistik zum Migrationshintergrund

Zwei unterschiedliche Erfassungsmethoden

Die Ausländerstatistik erfasst ausschließlich Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Sie sagt daher wenig über die Nachkommen der ersten Zuwanderergenerationen aus, die häufig die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.

Erst mit der Kategorie „Migrationshintergrund”, die ab 2005 eingeführt wurde, und dem neueren Konzept der „Einwanderungsgeschichte” lässt sich die Gesamtheit der Eingewanderten und ihrer Kinder statistisch fassen.

Die aktuellen Zahlen

Die Daten für 2023 und 2024 zeichnen ein klares Bild: Im Jahr 2023 hatten 24,9 Millionen Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund, das waren 29,7 Prozent der Bevölkerung. Für 2024 werden 25,2 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund gezählt, was einem Anteil von 30,4 Prozent entspricht.

Darunter fallen 21,2 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte – also Personen, die seit 1950 selbst eingewandert sind oder deren beide Elternteile eingewandert sind. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt 25,6 Prozent.

Das bedeutet konkret: Rund ein Viertel der Bevölkerung besteht aus Eingewanderten plus ihren direkten Nachkommen. Rechnet man zusätzlich Menschen mit einseitiger Einwanderungsgeschichte hinzu – also Personen, bei denen nur ein Elternteil zugewandert ist – kommt man auf etwa 30 Prozent mit Migrationshintergrund.

 

Die Zusammensetzung: Wer sind diese 25 Millionen Menschen?

In der Zahl von rund 25 Millionen Menschen mit Einwanderungs- und Migrationsgeschichte stecken verschiedene Gruppen: die Arbeitsmigranten der 1950er- bis 1970er-Jahre und ihre Kinder und Enkel, die Spätaussiedler ab 1950 und besonders ab 1990 samt Nachkommen, die Flüchtlinge und Schutzsuchenden seit den 1990er-Jahren und ihre Familien, sowie weitere Zuwanderungsformen wie EU-Freizügigkeit, internationale Studierende und Hochqualifizierte.

Wissenschaftliche Studien verdeutlichen die Größenordnungen: Eine Untersuchung schätzt beispielsweise, dass etwa 5,6 Millionen der 6,7 Millionen Ausländer im Jahr 2004 auf die Gruppe der Arbeitsmigranten und ihrer Familien zurückgingen – ein deutlicher Hinweis darauf, wie groß deren Anteil an der heutigen Einwanderungsbevölkerung ist.

 

Warum 30 Prozent Migrationshintergrund demografisch „normal” sind

Aus demografischer Sicht ist es konsequent und erwartbar, dass heute rund ein Drittel der Bevölkerung eine Migrationserfahrung in der eigenen Familie hat. Mehrere Faktoren erklären diese Entwicklung.

 

Lange Zeiträume

Die Arbeitsmigration läuft seit Mitte der 1950er-Jahre, also seit rund 70 Jahren. Die Spätaussiedlerzuwanderung begann bereits 1950, mit deutlichen Spitzen in den 1990er-Jahren. Fluchtzuwanderung setzte spätestens Anfang der 1990er-Jahre in größerem Umfang ein und dauert bis heute an.

Hohe absolute Zahlen

Die Ausländerzahl stieg von weniger als einer Million in den 1950er-Jahren auf über 14 Millionen heute. Hinzu kommen 4,6 Millionen Spätaussiedler seit 1950 und 3,3 Millionen Schutzsuchende als aktueller Bestand Ende 2024.

Familiengründung und Generationenfolge

Ein erheblicher Teil der Zuwandernden blieb dauerhaft, gründete Familien und bekam Kinder. Diese Kinder wuchsen in Deutschland auf und gründeten wiederum eigene Familien. Statistisch werden sie als Deutsche mit Migrationshintergrund oder Einwanderungsgeschichte erfasst – nicht mehr als Ausländer.

Niedrige Geburtenrate der einheimischen Bevölkerung

Parallel zur Zuwanderung sank die Geburtenrate der Bevölkerung ohne Migrationserfahrung. Ohne Zuwanderung wäre die Gesamtbevölkerung Deutschlands deutlich geschrumpft.

Die Kombination aus langem Zeitraum, großen Zuwanderungszahlen und Generationenfolge führt zwangsläufig dazu, dass Menschen mit Einwanderungsgeschichte heute einen großen Anteil an der Gesamtbevölkerung stellen. Demografisch ist das kein Sonderfall, sondern entspricht dem, was man in vielen klassischen Einwanderungsländern wie den USA, Kanada oder westeuropäischen Staaten beobachten kann.

 

Der normale Verlauf in einer Einwanderungsgesellschaft

Die Anwerbeabkommen der 1950er- und 1960er-Jahre führten zu einem historischen Anstieg der Zahl ausländischer Arbeitskräfte – von knapp 700.000 Ausländern im Jahr 1961 auf rund vier Millionen Anfang der 1970er-Jahre. Ein Teil der so angeworbenen Menschen blieb dauerhaft, holte Familien nach und gründete hier neue Familien.

Spätaussiedler aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion, besonders seit den 1990er-Jahren, verstärkten diese Entwicklung in erheblichem Umfang. Seit den 1990er-Jahren kamen Fluchtbewegungen hinzu, deren aktuelle Bestände bei etwa 3,3 Millionen Schutzsuchenden liegen.

Zusammen ergibt das heute etwa 25 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte beziehungsweise 25,2 Millionen mit Migrationshintergrund – rund 30 Prozent der Bevölkerung.

Die zentrale Erkenntnis lautet: Wenn man über Jahrzehnte hinweg Millionen von Arbeitskräften, Spätaussiedlern und Schutzsuchenden aufnimmt, ist es logisch und erwartbar, dass ein großer Teil von ihnen bleibt, Familien gründet – und dass ihre Kinder und Kindeskinder das Stadtbild und die Gesellschaft sichtbar prägen.

Das ist kein Sonderfall, keine Ausnahme, sondern der normale demografische Verlauf in einer langjährigen Einwanderungsgesellschaft. Die Vielfalt der heutigen deutschen Gesellschaft ist das direkte Ergebnis politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Entwicklungen, die vor 70 Jahren begannen und sich über mehrere Generationen fortsetzten. Sie ist Teil der deutschen Realität und Geschichte geworden.

Wer sich heute über das veränderte Stadtbild echauffiert oder die sichtbare Präsenz von Menschen mit Migrationshintergrund im öffentlichen Leben beklagt, muss sich bewusst sein: Eine solche Haltung bedeutet faktisch, 70 Jahre deutscher Einwanderungsgeschichte zurückdrehen zu wollen. Es hieße, die Kinder und Enkel jener Menschen, die auf Einladung der Bundesrepublik als Arbeitskräfte kamen, die als Spätaussiedler aufgenommen wurden oder die als Schutzsuchende Zuflucht fanden, nachträglich aus der deutschen Gesellschaft ausschließen zu wollen. Die demografische Realität von heute ist die logische Konsequenz von Entscheidungen, die vor Jahrzehnten getroffen wurden und die sich über drei Generationen hinweg entfaltet haben.